Alpenverein kritisiert Haftstrafe gegen Tourengeher

Der Alpenverein (ÖAV) kritisiert die Strafe gegen einen Skitourengeher, der wegen des Lawinentodes seiner Frau auf gemeinsamer Tour zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt wurde. Auch die Frau habe eigene Verantwortung gehabt, so der ÖAV.

Skitourengeher auf dem Hallstätter Gletscher im Dachsteingebiet (Motiv neutral).

Josef Schiefer

Die Begründung des Urteils von Donnerstag aus dem Salzburger Landesgericht wegen fahrlässiger Tötung liest sich sinngemäß so: Der Mann hätte die Frau in einen lawinengefährdeten Hang geführt - obwohl sie eine unerfahrene Tourengeherin gewesen sei. Außerdem wären die Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte des Paares nicht eingeschaltet gewesen - die so genannten LVS.

Unter Bergsteigern, Bergführern, Bergrettern und Alpinpolizisten im In- und Ausland hat das gestrige Urteil in Salzburg heftige Diskussionen ausgelöst.

Michael Larcher, Ausbildungsleiter des Österreichischen Alpenvereins, Chefredakteur der Fachzeitschrift "berg & steigen"

Österreichischer Alpenverein / alpenverein.at

Michael Larcher, Ausbildungsleiter des Österreichischen Alpenvereins

Interview mit ÖAV-Ausbildungschef

Michael Larcher ist Sportwissenschafter, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer sowie Ausbildungsleiter beim Dachverband des Österreichischen Alpenvereins in Innsbruck. Weiters: Germanist, Journalist und Chefredakteur der Fachzeitschrift „berg & steigen“. Diese befasst sich seit Jahren mit den Grundthemen „Risiko-Management“ und Unfallverhütung. Sie richtet sich an alpine Vereine, Berg- und Skiführer, Bergretter sowie alpinpolizeiliche Ermittlungsbehörden im In- und Ausland.

ORF-Redakteur Gerald Lehner hat dieses Interview geführt.

Herr Larcher, wie beurteilen Sie dieses jüngste Urteil von drei Monaten bedingter Haft wegen fahrlässiger Tötung - auf den ersten Blick?

Larcher: Es macht mich betroffen. Ich weiß aus Fachkreisen, dass die Frau, die hier tragischerweise ums Leben gekommen ist, ja auch eine Tourengeherin war. Sie hatte mit ihrem Mann über Jahre schon viele Touren gemeinsam unternommen. Sie war also keine Anfängerin, für die man eine eigene Rechtsposition einnehmen könnte oder müsste. Diese Frau war zwar nicht so erfahren wie ihr Mann, hatte aber genug persönliches Wissen. Dazu gehört auch, dass man auf solchen Touren unbedingt ein Lawinen-Verschütteten-Suchgerät einschalten sollte, das so genannte LVS.

ORF: Ist die Frage LVS zentraler Ansatzpunkt für Ihre Kritik?

Larcher: Ja, wenn nun für dieses Urteil die nicht eingeschalteten LVS-Geräte der beiden Tourengeher den wesentlichen Ausschlag gegeben haben, dann sehe ich das Urteil sehr kritisch. Erwachsene Personen haben auf gemeinsamer Tour zu gleichen Teilen die Verantwortung, dass sie die Notfallausrüstung in Betrieb nehmen - also auch die Frau im gegenständlichen Fall. Das kann man aus meiner Sicht nicht dem Mann allein zur Last legen.

ORF: Jetzt gibt es Leute, die argumentieren mit den schweren Kopfverletzungen der Frau, und mit der Verschüttungstiefe von einem Meter in sehr schwerem Nassschnee. Die Frau wäre ohnehin verstorben, ob mit LVS-Gerät oder ohne, heißt es.

Larcher: Das kommt noch dazu. Es wird von Einsatzkräften der Bergrettung und der Alpinpolizei bei diesem Unfall ja auch von schweren Kopfverletzungen bei der Frau berichtet. Ob der Tod nun durch Ersticken - wie so häufig bei Lawinen - oder durch traumatische Verletzungen eingetreten ist, das müsste man eventuell noch klären. Es ist aus den mir vorliegenden Unterlagen nicht ersichtlich. Aber eine Person, die einen Meter tief in Nassschnee verschüttet ist und von einem einzigen Retter ausgegraben werden muss, diese Person hat sehr geringe Chancen. Bis der Ehemann zum Mund seiner Frau vorgedrungen wäre, wäre wohl mehr als die Viertelstunde vergangen, in der die Chancen noch halbwegs intakt sind.

ORF: Sehen Sie dieses Urteil als weitere mögliche Kriminalisierung des Bergsteigens?

Larcher: So scharf würde ich es nicht formulieren. Ich betone aber den Umstand, dass erwachsene Tourengeher im privaten Bereich, auch wenn sie unterschiedlich erfahren sind, jeweils in eigener Verantwortung auf Tour handeln und handeln müssen. Und Selbstverantwortung hat inhaltlich nichts oder wenig mit Erfahrung zu tun.

ORF: Könnte man dieses Urteil vielleicht auch so interpretieren, dass das Gericht sagt: Wir wissen seit langem von unseren Sachverständigen, es gibt eine große Schlamperei bei der Anwendung von LVS-Geräten. Könnte es mit dieser Strafe nicht auch indirekt appellieren: Nehmt endlich abseits von Pisten die LVS-Geräte verlässlich in Betrieb!?

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Larcher: Dieser Appell ist natürlich mit diesem Unglück und mit diesem Urteil verbunden. Wir wissen heute aus der Unfallforschung, dass ein Drittel der Tourengeher noch immer auf das Mitführen von LVS-Geräten verzichtet, die unter Umständen das Leben retten könnten. Beim Variantenfahren - von Wintersportlern, die aus gesicherten Pistengebieten ins freie Gelände fahren - sind es noch viel mehr solcher Leute. Noch viel tragischer ist, wenn es die Leute dabei haben, aber nicht einschalten - wie im vorliegenden Fall.

Stellungnahme der Bergrettung

Vom Österreichischen Bergrettungsdienst (ÖBRD) heißt es dazu: Wenn Leute auf Skitour im freien Gelände unterwegs sind, sei jeder in erster Linie auch für sich selbst verantwortlich. Zu beurteilen, wer der Erfahrene ist, sei rechtlich sehr schwierig, sagte der Salzburger ÖBRD-Landesleiter Estolf Müller der APA: „Ich bin sehr skeptisch, wenn Gerichte in den Privatsport eingreifen, solange Unbeteiligte nicht gefährdet werden.“

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